Die Fährfahrt haben sie gut gemeistert. Sie standen eingepfercht zwischen LKWs. Überdacht. Nur die Schnauze des Busses hat den heftigen und eisigen Regen am Morgen als sie am Hafen standen abbekommen. Die Luft ist feucht, dichter Nebel hängt über der Hafenstadt Taşucu. Im Hafengebäude stehen die LKW-Fahrer beim Zoll an. Die kleine Familie gesellt sich dazu. Anton wird von den taffen Männern mit lieben Augen angeschaut. Als er auf seine Hände fällt, wollen sie ihm gleich aufhelfen und wieder hinstellen. Anna macht ihnen klar, dass das nicht nötig ist. Er schafft es auch allein. Popo in die Höhe, Hände etwas zu den Füßen geführt, den Oberkörper hochgedrückt und schon steht Anton und läuft weiter. Immer wieder nach draußen. Dabei ist das Gebäude groß und bietet viel Platz zum Laufen. Aber nein die Welt da draußen ist viel interessanter. Es gibt Schiffe, Regen, Pfützen, Stufen, Steine und das Meer.

Nach der Passkontrolle und dem Zoll fahren sie los. Fast. Nochmal die Pässe vorzeigen, nochmal das Auto aufmachen und weiterfahren. Es folgt nochmal eine Schranke. Sie zeigen ein letztes Mal die Pässe und dürfen nun durch die Türkei fahren. Sie fahren oberhalb einer Schlucht entlang bis zur Stadt Mut, wo sie eine Pause machen. Es ist wirklich sehr kalt. Sie gehen in eine Moschee und lassen Anton auf dem schönen roten Teppich laufen. Als der Mulah zum Gebet ruft, singt Anton mit. Sie trinken noch Tee und heiße Ziegenmilch – es gab ein Missverständnis in der Kommunikation – und fahren weiter. „Ah die Polizei, ich pack Anton mal in den Sitz“, sagt Anna. Die zwei Polizisten winken sie raus. „Snow“, sagt der Eine. „Can we go?“, fragt Philipp etwas besorgt, dass sie eventuell nicht passieren dürfen. Der Polizist verneint aber ein paar Sekunden später sagt sein Kollege, dass es möglich ist. Mit den Worten „drive carefully!“ verabschieden sie die kleine Familie. Es geht bergauf. Überall liegt Schnee. Alles ist weiß. Das Wasser ist gefroren und hängt in großen Eiszapfen von den Bergüberhängen hinunter. Was für ein Anblick. Es schneit und windet. Sie müssen ihre Geschwindigkeit halten ansonsten laufen sie Gefahr sich festzufahren. Gleichzeitig dürfen sie nicht zu schnell sein sonst rutschen sie. Und da passiert es auch schon. Der Bus rutscht. Und rutscht. „Aaah Phili“, poltert es erschrocken aus Anna heraus. „Alles gut!“, sagt er ruhig. Sie schaffen den Bergpass und fahren im Schneegestöber weiter. Sie fahren solange bis es aufhört und verbringen die Nacht mit laufendem Motor an einer Tankstelle kurz vor Afyon-Karahisar.

Sie verbringen den Vormittag an der Tankstelle und werden von den Tankwärtern auf einen Tee eingeladen und dürfen Anton im warmen Bürogebäude laufen lassen. Die Sonne scheint auf die schneebedeckte Landschaft. Es ist ein außergewöhnlicher Anblick. Sie erleben die Türkei nochmal von einer ganz anderen Seite: blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, weiße Felder, Bäume und Berge. Ihre Fahrt geht weiter und führt sie an Kütahya, Izmit und Istanbul vorbei. Die wahnsinnige Stadt Istanbul kündigt sich bereits 100 Kilometer vorher an. Ein Häuserwald. Dicht gepackt. Eng gebaut. Gruselig. Kein Blick kann in die Ferne reisen. Stattdessen trifft er immer wieder auf Hauswände, Brücken, Dächer, mehr Häuser. Die Schnellstraße ist voll. Der Fahrstil verrückt und rasant. Sie fahren noch bis kurz vor die bulgarisch-türkische Grenze wo sie an einer Raststelle schlafen.

Sie sind vom Schnee in den Dauerregen gefahren. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet und auch der Morgen ist noch nass und kalt. Sie passieren die Grenze reibungslos und auch ohne viel Tamtam. Bis nach Sofia ist die Fahrt klasse und zügig. Danach kommen sie in ein heftiges Schneetreiben. Die Landstraße, die zur Grenze führt, ist nicht geräumt. Der Schnee häuft sich auf den Bäumen, liegt Zentimeterhoch auf den Häusern, klebt an den senkrechten Berghängen und fällt in großen Haufen auf die Straße. Die Welt erscheint in den Autoscheinwerfern nur noch in schwarzweiß. Abgesehen von der Strapaze des Autofahrens ist die Strecke, die durch eine schmale Schlucht führt, ziemlich schön und erhält durch diese weiße Schneedecke ein besonderes und mystisches Flair. Auch diesen Grenzübergang überqueren sie reibungslos. An einer Tankstelle kurz hinter dem Grenzübergang erfahren sie, dass ganz Serbien unter einer Schneedecke begraben ist und die Straßen weiterhin nicht geräumt sind. Sie bleiben mit Anton etwas draußen, kochen, essen und spielen mit Anton bis er innerhalb weniger Minuten müde in den Schlaf fällt. Sie fahren an Belgrad vorbei und übernachten 100 Kilometer vor der ungarischen Grenze.

In Serbien darf Mensch in den Innenräumen rauchen. Daher bietet sich die Raststätte an der sie geschlafen haben nicht so gut zum Spielen für Anton an. Sie bleiben mit ihm Bus und entscheiden mit ihm wach zur Grenze zu fahren. Er schläft kurz nachdem sie los gefahren sind ein und wacht an der Grenze wieder auf. Wieder einmal kommen sie schnell über die Grenze und das obwohl sie in die EU einreisen. Eines haben alle Grenzbeamten gemeinsam: sie verziehen keine Miene oder ballen ihr Gesicht zur Faust, klingen hart und unfreundlich. Nicht der Rede wert. Anna und Philipp begegnen diesen Menschen mit einem extra großen Lächeln und extra herzlichem Lachen. Kurz vor der Stadt Szeged leuchtet die Batterie auf, dann fällt plötzlich die Servolenkung aus. Sie halten an. Philipp sucht erst nachdem Autohandbuch. Er findet es nicht. Dann sucht er eine Autowerkstatt heraus und findet zufällig ein Mercedes Autohaus mit Werkstatt. „10 Minuten von hier“ sagt er zu Anna. Er rudert den Bus um die Kurven und durch die Kreisverkehre. Er fährt sich nun eher wie ein schwerfälliges Schiff. Am Autohaus angekommen, verläuft die Kommunikation etwas unklar, da nur wenige Worte gesprochen werden. „Wait“ heißt es nur. Die Stimmung im Mercedes Autohaus ist steif und riecht nach Geld. Die Kunden sind schick und in Annas Augen spießig und verklemmt. Sie beobachtet ein auffällig frisiertes und schick gekleidetes Pärchen, was sich Kaugummi ketschend die Autos zeigen lässt. In der Türkei, denkt sie, hätten sie ihnen schon längst Tee angeboten, Anton auf den Arm genommen und mit viel Freude ihr Deutschvokabular ausgepackt. Herzlichkeit und freundliche Gesichter sind in diesem Autohaus verschwunden. Nach drei Stunden Aufenthalt ist das Problem behoben. Super. Sie fahren einkaufen, kochen, essen und fahren sobald Anton eingeschlafen ist weiter. Philipp hat ambitionierte Pläne und will bis nach Deutschland fahren. Es geht gut vor ran: Kein Schneesturm, gute Straßen, kein Verkehr. Und dann plötzlich, es knallt. Anna schreckt auf und hält aus einem Impuls Antons Sitz fest. Sie hatte geschlafen. Tack. Tack. Tack. Philipp hält das Lenkrad ruhig und steuert den Bus langsam auf den Seitenstreifen. „Scheiße, das war der Reifen“, sagt er. Sie sitzen einige Minuten schweigend da bis sie sich mit Fassung dem Problem widmen. Warnweste an. Warndreieck aufstellen. Und den Reifen wechseln. Gerade als Philipp anfängt zu fluchen – der Reife löst sich, so wie damals im Iran, nicht – kommt der Non-Stop-Service wie die Goldenen Engel vom ADAC angebraust. Er holt einen gigantischen Hammer aus dem Kofferraum, schlägt einmal auf den Reifen ein und ab ist er. Philipp montiert den neuen Reifen und die Fahrt geht weiter. Er fährt und fährt. Selbst der tückische Schneesturm mit Böen artigem Wind in Österreich hält ihn nicht auf. Er fährt bis früh 5 Uhr und bringt sie tatsächlich bis nach Deutschland.

„Es sind noch 500 Kilometer“, sagt er ganz verschlafen am Morgen zu Anna. „Klasse!“, erwidert sie freudig. Sie geht mit Anton im Restaurant spielen damit Philipp noch etwas schlafen kann. Leider kommen sie mit dem ersten Schlaf von Anton nicht sehr weit. Anna kümmert sich um Anton und erkundet mit ihm eine weitere Raststätte und den Parkplatz während Philipp seinen Schlaf nachholt. Anton schläft zum Glück nochmal ein und sie fahren weiter. Es regnet. Es ist Stau. Sie kommen nur langsam vor ran. Deutschland ist ein volles Land. Am Abend fahren sie weiter und werden in der Nacht kurz vor Mitternacht bei Tina und Nils in Aachen ankommen.