Es regnet. Riesige Tropfen prasseln aufs Dach und legen die Terrasse beinahe unter Wasser. Eigentlich wollten wir genau jetzt abfahren. Wir warten im Wohnzimmer während Anton durch den Regen rennt. Als der Regen langsam nachlässt, verstaue ich die letzten Sachen im Bus. Wir stehen zusammen mit unseren Mitbewohnerinnen und Nachbarn dichtgedrängt zwischen Hauswand und Bus auf dem schmalen Gehweg. Ich verabschiede mich mit einer langen Umarmung von Kati und Miranda. Auch unsere Nachbarn werden gedrückt. Sie sind gekommen, um uns eine gute Reise zu wünschen und ihre Abschiedsgeschenke vorbeizubringen. Ich freue mich sehr über diese Aufmerksamkeit. Die Stimmung ist freudig und die Aufregung steigt als wir in unserem fast fertigen Bus sitzen und den Motor starten. Der Abschied fühlt sich weniger schlimm an als beim ersten Mal. Vielleicht weil wir nicht vorhaben weit zu fahren und auch im Winter wieder in Deutschland sein werden.  

Meine Augen werden schwer und ich schlafe während der Fahrt ein. Kurz bevor wir in Berlin ankommen, wird Merle wach. Ich stille sie die letzten Kilometer. Ich habe jedoch das Gefühl, dass wir sie erst im Haus meines Papas wieder in den Schlaf bringen werden. Und so ist es auch. Die Woche, die wir bei meinem Papa verbringen, bauen wir am Bus, packen und räumen, kümmern uns um die Kinder und schaffen das alles nur weil wir immense Unterstützung bekommen: Die Großeltern geben ihr Bestes.

Bis auf die letzte Minute sind wir im Pack- und Baustress, und fahren mit der Last der letzten Tage und der angestauten Müdigkeit los, auf eine Hochzeit in Königstein. Kurz vor der Ankunft, kackt mir Merle auf den Schoß. Sie hatte keine Windel an. Sie weint. Immer noch. Anton lacht und fragt mich mehrere Male hintereinander, ob Merle mich angekackt hat. Ich bin sowas von gestresst und mit den Nerven am Ende. Ich versuche locker zu antworten „Ja Anton, sie hat mich angekackt“. Als ich später von der Fahrt berichte, muss ich herzlich darüber lachen.

Die Hochzeit vergeht in Windes eile. Ich bin mittendrin und irgendwie doch nicht dabei. Es ist ein farbenfrohes, ausgelassenes Fest mit Musik, gutem Essen und vielen Menschen. Ich unterhalte mich, parallel stille ich, gebe Merle ab, tanze mit Anton auf dem Arm, nehme Merle in die Trage, zwischendurch halte ich sie ab, schuckele sie erneut in den Schlaf und verschwinde schließlich mit im Bus. Wir verbringen noch einen weiteren Tag mit Freunden an diesem Ort.

Erst als wir in Dresden sind, wo wir an der Elbe parken, merke ich wie anstrengend und intensiv es war. In Dresden komme ich zur Ruhe, kann mich entspannen, in den Tag hinein trudeln und einen Rhythmus für uns vier finden.   

Nach ein paar Tagen in Dresden, fahren wir nach Glauchau und besuchen Philipps Bruder und dessen Familie. Ich genieße die Gesellschaft aber meine Sehnsucht nach Wärme, Sonnenschein und Meer steigt. Bevor wir Deutschland schließlich gänzlich verlassen, machen wir halt an einer Straußenfarm in Freystadt. Auf der Straußenfarm gibt es natürlich Strauße, verrückt aussehende Hühner, Hähne und Ziegen mit langem Bart. Es gibt zwei Stellplätze, den einen belegen wir für drei Nächte und auf dem anderen kommen jeden Tag neue Besucher, jedes Mal sind es Familien, mal weniger sympathisch, mal sympathischer.

Im Schatten ist es kalt und in der Sonne warm. Ich ziehe meinen Pulli an und wieder aus. Ich friere, ich schwitze. Ein hin und her, welches mich etwas nervt. Abgesehen von diesen kleinen Quälereien, gefällt mir die Farm, irgendwie. Sie ist etwas skurril sowie der Besitzer, mit dem wir lange Gespräche führen und von dem wir viel erfahren, auch einiges über Strauße.

Wir spazieren durch den kleinen Ort und kommen an zahlreichen kleinen Höfen und Truthähnen, die hier wohl fast jeder in seinem Garten hält, vorbei. Wir pflücken Zwetschgen, naschen Himbeeren von einem Strauch, der auf einem Privatgrundstück steht, aber leicht zugänglich ist, zählen und suchen Traktoren und spielen auf dem Spielplatz.

Diese Idylle trügt. Die Stimmung zwischen mir und Philipp ist angespannt. Wir sind uns uneinig, in dem was wir wollen. Er möchte andere Familien treffen, so dass Anton mit Kindern spielen kann, und wir eventuell Zeit für andere Dinge haben. Und ich? Ich möchte Reisen, Landschaften sehen, am Strand stillen, freistehen, fotografieren, Meer sehen, Zeit zu viert haben und Frischluft schnuppern. Das heißt, dass ich auf gar keinen Fall in Deutschland bleiben möchte. Ich hatte mich die letzten Wochen in Frechen eingesperrt gefühlt sowohl am Ort als auch in meinem trägen und angestrengtem Schwangerschaftskörper. Meine Nerven sind manchmal mit mir durchgegangen. Vor Wut habe ich Türen oder andere Gegenstände geschmissen. In diesen Momenten habe ich mich selbst nicht wiedererkannt und fühlte mich verloren. Die Decke fiel mir auf dem Kopf. Es hatte mich gelangweilt graue Hauswände, graue Straßen und graue Autos zu sehen. Trotz Sonnenschein, blauen Himmel und ein bisschen grünen Garten war ich mehr als bereit diesen Ort hinter mich zu lassen und in unseren Bus zu ziehen.

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Nach einem abendlichen Gespräch finde ich heraus, dass Philipp sich nicht um die Reiseplanung kümmern möchte. Er hat keine Lust Stellplätze zu suchen und Reiseziele auszuwählen. Dafür möchte er seine Zeit nicht aufbringen. Ich bin erleichtert, dass es nur das ist. Diese Aufgabe kann ich mit Leichtigkeit übernehme. Ich bestehe aber darauf, dass wir diese Dinge trotzdem kurz vorher bereden und er sein OK gibt. Ich bin froh, dass wir weiterfahren. Wir sind uns darin einig, dass wir unseren Sommer verlängern wollen. Und ob wir andere Reisefamilien treffen, werden wir sehen. Erstmal fahren wir weiter.

Da Innsbruck noch zu weit ist, fahren wir zunächst an den Riegsee, wo wir auf einem Campingplatz übernachten. Hier ist es voll, eng, schön, heiß. Hier gibt es andere Kinder und neugierige Menschen, die uns auf das Alter von Merle ansprechen und sie mit einem langgezogenem „süüüß“ kommentieren.