Ich verlasse kurz den Bus, um Pipi zu machen. Ich sehe den Mond und einen weiß-blau strahlenden, wolkenlosen Himmel. Ich wickel Merle in die Decke ein, packe das Schafsfell und die Kamera in eine Umhängetasche und stiefel schnurstracks los. Ich sehe die Berggipfel orangerot leuchtend durch das dichte Astwerk der Bäume schimmern. Ich gebe Gas. Völlig aus der Puste und mit leicht brennender Lunge – ich habe einfach keine Kondition mehr – komme ich am Ufer des Sees an. Endlich habe ich wieder Lust zu fotografieren. Ich fotografiere, halte Merle ab, wandere an eine andere Stelle, fotografiere erneut, halte Merle ein weiteres Mal ab, ich fotografiere ein letztes Mal vom Wasser aus und wandere schließlich zurück. Ich sitze am Ufer, stille Merle und genieße diesen Augenblick.

Da es recht frisch ist, verlassen wir den Tovel See noch am gleichen Tag und fahren zum Molveno See, der etwas tiefer und südlicher liegt. Wir fahren über kurvige Landstraßen an zahlreichen und großen Apfelplantagen vorbei und kommen am Nachmittag am Molveno See an. Anfänglich sind wir ratlos, wo wir übernachten sollen. Wir hatten gelesen, dass tagsüber in Wohnmobile eingebrochen wird, und die vielen Campingverbotsschilder sind auch nicht zu übersehen. Wir finden eine Parkbucht an der Landstraße, die wir auch gekommen sind, oberhalb des Sees. Ein steiler Weg führt hinab zum See. Hier bleiben wir. Ich habe Bedenken, dass Anton uns auf die Straße rennt oder der Straßenverkehr zu laut ist, aber einen besseren Platz finden wir im Moment nicht.

Wir sitzen alle vier auf der Kante des Busses, essen Feigen und Kekse. Während wir auf den See schauen und ganz leise Murmeltiere suchen, erleben wir einen gemeinsamen Moment voller Ruhe, eine Seltenheit mit unseren beiden Kindern. Kati ruft an und gratuliert mir zum Geburtstag. Wir teilen nun mit ihr diesen besonderen Moment. Ich freue mich, ihre Stimme zu hören und mich mit ihr auszutauschen.

Wir springen ins kalte Seewasser, Anton wirft Steine ins Wasser und läuft ins Wasser rein und wieder raus, wir essen Pizza und treffen meinen Papa, Philipp und ich reden, wir organisieren uns im Bus, und zwischendrin halten wir Ausschau nach Murmeltieren.

Philipp sitz im Beifahrersitz und sagt mir, dass er unsicher ist, ob er so weiterreisen möchte. Er findet, es anstrengend zu reisen und zwei Kinder zu betreuen. Ich begegne ihm wie üblich mit der Aussage, dass es überall mit Kindern anstrengend ist. Diesen Satz hat mir auf unserer ersten Reise Julia, eine meiner besten Freundinnen, wahrscheinlich nachdem ich ihr die Ohren mit Beschwerden zugemüllt hatte, gesagt. Damit hat sie mir die Augen für die positiven Dinge, die ich nicht mehr wahrgenommen hatte, geöffnet. Und seitdem verwende ich den Satz ständig: bei Freunden, bei Verwandten, bei Philipp, bei mir.

Ich bleibe zwar ruhig, aber meine Argumente schießen wie Kanonenkugeln aus meinem Mund. Leergefeuert stehe ich erwartungsvoll da. Philipp schaut mich mit müden Augen an. In dem weiteren Verlauf des Gesprächs finde ich mein Verständnis wieder. Philipp spricht sich aus und gemeinsam stoßen wir Themen, die ihm in der letzten Zeit und im letzten Jahr belastet haben und nun das freie Reisen erschweren. Wir entscheiden, dass wir versuchen nicht zwei Tage hintereinanderzufahren und länger an einem Ort zu bleiben. Wir sind zwar schon langsam unterwegs aber vielleicht müssen wir noch langsamer reisen.

Glücklich wieder vereint und gemeinsam am selben Strang ziehend, fällt mir wenig später mein Laptop runter, wobei das Ladegerät kaputt geht. Und wir haben nur eins dabei. Meine Stimmung schlittert rasch tief in den Keller. Dunkelheit legt sich über mein Gemüt, mein Gesicht versteinert sich. Ich brauche meinen Laptop doch zur Fotobearbeitung, zum Schreiben und Videos schneiden. Ich rege mich auf, fluche und finde keine Ruhe. Entmutigt stehe ich da, starre auf die hohe Felswand und versuche, mich zu entspannen. Es ist ja schließlich kein unlösbares Problem, aber es ist Aufwand, den wir eigentlich vermeiden wollten. Ich akzeptiere, dass die Arbeit am Laptop pausieren muss und wir in der nächsten größeren Stadt ein neues Ladegerät besorgen werden.