Ich stehe am Parkscheinautomat und ziehe ein Ticket. Wir sind seit gestern Nachmittag in Österreich angekommen und haben auf dem Parkplatz vom Alpenzoo übernachtet. Von hier aus hat Mensch, wenn es nicht gerade bewölkt und diesig ist, einen weiten Blick über Innsbruck. „Wahrscheinlich“ denke ich. Aber im Moment sehe ich recht wenig. Während ich Gedanken verloren, den Parkschein ziehe, fängt es an zu tröpfeln. Ich kehre zurück in die Gegenwart und starre auf den Zettel. Ich will nach der Uhrzeit schauen, um zu erfahren, wieviel Zeit noch bleibt, bis wir abfahren müssen. Das Datum, welches in großen dicken Zahlen in der Mitte des Zettels platziert ist, drängt sich mir allerdings zuerst auf. Oh weh! Dass mir das mal passiert, hätte ich nie gedacht. „Heute kann es regnen, stürmen oder schneien…“, trällere ich in Gedanken. Jap, heute ist mein Geburtstag und ich habe ihn tatsächlich vergessen.

Ich warte im Bus auf Philipp und Anton. Ich halte ihm den Zettel unter die Nase. „Ah ok bis 10:30 Uhr haben wir also noch Zeit“, antwortet er, nachdem er einen kurzen Blick auf den Zettel geworfen hat. Etwas später zeige ich den Zettel noch mal und bitte ihn mal aufs Datum zu schauen. Sein Kopf fällt in den Nacken, die Hand landet auf seiner Stirn und ein langes, lautes „Alles Gute zum Geburtstag“ holpert aus seinem Mund. Ich muss lachen. Wir umarmen uns und verkünden bei Anton freudig, dass heute mein Geburtstag ist. Als wir wenig später beim Bäcker sitzen und Philipp nur für sich ein Tiramisu für die Fahrt holt, bin ich allerdings etwas traurig. Er hätte ruhig an mich denken und mir wenigstens ein Geburtstagstiramisu schenken können. Wir teilen es auf der Fahrt. 

Mit Merle auf dem Arm laufe ich den Zaun entlang. Innsbruck ist immer noch nicht zu sehen. Merle bewegt sich nicht mehr, sie ist eingeschlafen, still und heimlich. Überrumpelt von dieser unerwarteten Situation, denke ich, dass wir am besten jetzt direkt losfahren. Ich drängele. Als Philipp mich fragt, wohin wir denn fahren, sage ich selbstbewusst „Na nach Innsbruck. Wir wollen doch in den Supermarkt und Sonnenhüte kaufen“. Das Gespräch mit Philipp zeigt, dass wir uns hätten besser organisieren sollen und mein Vorschlag erst mal in die Innenstadt zu fahren, erweist sich als eher schlechte Idee. Zu großes Auto, zu enge Straßen und keine Parkplätze. Wir versuchen beide ruhig zu bleiben, aber eigentlich sind wir gestresst, angespannt und angestrengt.

Wir halten kurz an der Straßenseite, um unsere Lage zu entschärfen. Rumps. „Scheiße“ schallt es durch den Bus. Philipp ist beim rückwärts ausparken auf ein anderes Auto gefahren. Eine Frau hatte sehr mittig hinter unseren Bus geparkt und so war sie in den Seitenspiegeln nicht zu sehen. Während ich Antons bohrende und wiederholende Fragen beantworte, hoffe ich, dass die beiden die Sache ohne Probleme und Ärger klären können. Als ich die Frau und Philipp lachen hören, bin ich erleichtert. Danach finden wir recht schnell einen Parkplatz, auch Sonnenhüte – zwar überteuert – aber in Betracht, dass die meisten Läden bereits auf Herbstmode umgestellt und erst mehrere Telefonate zum Ziel geführt haben, hatten wir eh keine Wahl. Wir sind nach unserem Großeinkauf und Mittagessen nur wenige Minuten später als wir hätten sein sollen beim Auto. Ein kleiner Zettel flattert vorne auf der Windschutzscheibe: Es ist tatsächlich ein Strafzettel. Ich möchte jetzt gerne raus aus der Stadt. Ich finde es eng, irgendwie kompliziert und stressig. 

Am Abend erreichen wir den Tovel See. Ein See umgeben von Bergen. Graue Wolken verdecken die Gipfel. Ein dunkelgrüner Wald wächst entlang des Ufers. Italienisch fliegt durch die Luft. Ein Ort ohne Handyempfang. Nichts. Ein Geburtstag ohne Kuchen, ohne Kerzen, ohne Glückwünsche, ohne liebevolle Nachrichten und herzliche Telefonate. Es war ein ganz anderer Geburtstag. Ich finde es etwas schade, aber ich bin nicht traurig darüber. Denn ich weiß die Glückwünsche werden mich am nächsten Tag erreichen. Stattdessen sehe ich Anton und Philipp freudig über die Wurzeln und Steine klettern und springen, und ich fühle Merle, die seelenruhig bei mir in der Trage schläft und mich wärmt. Ich bin unterwegs in einem selbstausgebauten Bus und befinde mich an einem wunderschönen Ort.