Italiens Stiefelabsatz

November, 2020

Wir sind auf den Weg zum südlichsten Punkt des Schuhabsatzes da, wo Mensch Sonnenaufgang- und Sonnenuntergang an einem Ort sehen kann. Es gibt bestimmt noch andere schöne versteckte Buchten wie diese, an der wie die letzten Tage waren, aber daran fahren wir vorbei. Wir fahren über viele kleine Dörfer, zwingen uns durch enge Straßen, kleben am Auspuff von stinkenden Lastwagen und fahren durch eine recht langweilige Landschaft.

Wir parken. Es ist sehr heiß. Wir spazieren zum Aussichtspunkt. Ich sehe Meer. Überall Meer. Ein weiter langer Horizont. Blau trifft auf Blau. Es ist beeindruckend, wie groß das Mittelmeer wirkt. Lange hält es uns nicht an diesem Parkplatz. Wir stehen zu exponiert: Menschen laufen vorbei und schauen rein, aufgeheizter Asphalt umgibt uns, die Sonne scheint ohne Erbarmen auf das Dach, Schatten fehlt, Autos fahren hin und her.

Italien Stiefelabsatz

Also fahren wir nach Felloniche, in den nächsten Ort. Hier haben wir Zugang zum Sandstrand, hier gibt es eine Pizzeria und etwas oberhalb des Strandes einen Spielplatz. Am Abend gehen wir Pizza essen. Wir sind die ersten Gäste in diesem schicken Restaurant. Während wir auf der überdachten Terrasse sitzen und warten, werden noch Tische gedeckt und im Innenraum gehen zwei sehr große Fernseher an. Italienische Nachrichten mit den aktuellen Neuigkeiten zur Corona-Pandemie, das einzige Thema an diesem Abend, laufen nun rauf und runter. Auf mich wirkt es einseitig, propagandistisch und meinungsformend.

Der Kellner reist mich aus meiner Gedankenwelt. Ich soll bitte den QR-Code scannen, dann erhalte ich Zugriff auf die Speisekarte. Hmm, ich habe kein Handy dabei. Auch Philipp hat seins im Bus gelassen. Aufgeschmissen schauen wir uns nachdem Kellner um. Er bringt uns eine analoge Speisekarte aus Papier, echt zum Anfassen und Blättern. In was für einer Welt leben wir wohl bald? Ich blättere bewusst die Seiten um, fühle mit den Händen das Papier und lasse meine Augen entspannt über die Zeilen fliegen. Wer weiß, wie lange es noch analoge Speisekarten geben wird. Es gibt eine riesige Auswahl, auch viele vegetarische Varianten und besondere Kombinationen. Ich wähle eine Pizza mit Pesto, frischen Tomaten und gerösteten Mandeln. Es ist sehr lecker.

Die frühen Morgen Stunden verbringen wir auf dem Spielplatz und den restlichen Tag stehen wir am Strand. Ich verbringe die meiste Zeit im Bus, da ich Blogeinträge schreibe und das neue Logo für tigro.travels erstelle. Anton schläft wieder nur schwer ein. Sein Wille wachzubleiben kämpft mit der Müdigkeit, die ihn schließlich nach einem langen bitterlichen Ringen niederringt. Philipp ist schon lange vor ihm eingeschlafen und wacht gerade rechtzeitig für sein Telefonat auf. Nach dem Mittagsschlaf fahren wir zum nächsten Strand nach Pescoluse. Ich hatte diesen Strand auf einer Postkarte in einem Café, wo wir die letzten zwei Tage waren, gesehen. Es war ein weißer, feiner Sandstrand und türkisblaues klares Wasser abgebildet. Paradiesisch.

Strand Italien
Bereits bei der Ankunft flucht Philipp über die vielen Mücken, die ihn stechen. Ich bekomme nur wenig davon mit, weil ich im Bus das Abendessen vorbereite. Als ich wenig später rausgehe, kleben sie auch direkt an mir. Am nächsten Morgen werden wir alle beim Spaziergang zum Meer zerstochen. Ich bin recht unempfindlich, was Mücken angeht, aber hier nehmen sie mir die Lust, draußen sein zu wollen. Ich würde am liebsten im Bus bleiben, um mich dieser Plage nicht aussetzen zu müssen. Wir entschließen uns an einen anderen Strand zu fahren.

In Pizzo, südlich von Gallipoli, fahren wir an die Küste, die hier wieder felsig ist, aber es gibt einen kleinen Abschnitt mit Sandstrand, von dem wir einfacher ins Wasser gehen können. Es gibt einen breiten Fußweg entlang des Küstenstreifens und einen Spielplatz mit Blick auf das Meer. Ruhig und gemütlich wirkt dieser Ort. Wir verbringen einige Tag hier und schlagen uns mit den stärker ausgeprägten Autonomiephasen von Anton rum. Ich muss mich umstellen, denn die vorigen Wochen waren einfach und kooperativ. Nun heißt es oft „Nein“, „Ich will“, „Ich möchte“ oder auch „Du sollst“. Teilweise läuft er weg, zerrt an den Dingen, die er haben möchte, hört mit einer Aktivität einfach nicht auf und beißt mir in die Schulter, wenn er einen heftige emotionale Krise durchlebt. Ich ärgere mich, verliere die Geduld, bin genervt oder einfach nur erschöpft und hilflos. 

Italien Stiefelabsatz Wohnmobil
Wir machen, dass was wir sonst auch machen: Schwimmen gehen, Fahrrad fahren, Schaukeln, Rutschen. Wir bleiben nicht lange. Wir sind immer noch bargeldlos und auch die Vorräte gehen dem Ende zu.
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